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Ambulante Ayurveda-Medizin | Print |  E-mail
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(Dr. med. Karin Gramminger, CoMed Ausgabe 12/2004)

Ayurveda, die Wissenschaft vom langen und gesunden Leben, ist ein ganzheitliches Gesundheitssystem, das vor rund 5.000 Jahren auf dem indischen Subkontinent entstand. Leider wird sie bei uns noch immer im Wellnessbereich angesiedelt, obwohl bereits namhafte deutsche Kliniken von ihren erfolgreich durchgeführten Panchakarmakuren (die 5 Ausleitungstherapien) und den dabei erzielten Heilerfolgen berichtet haben.

Am wenigsten geläufig sind die Heilerfolge niedergelassener Ärzte, die mit Hilfe pflanzlicher Ayurveda-Präparate, manueller Ayurveda-Therapien und ayurvedischer Ernährungsberatung ihre Patienten mit geringem Budget dauerhaft heilen. So lassen sich durch eine sorgfältige Ayurveda-Pulsdiagnose sowohl die angeborene Konstitution wie auch der Krankheitsverlauf, die Organbefindlichkeit und die mentale Konstitution sehr schnell ohne technische Hilfsmittel ablesen. Bei der Zungendiagnose kann mit einem Blick festgestellt werden, wo sich die Toxine besonders angesammelt haben und ob es sich um Ama (Gifte) aus dem Vata-, Pitta- oder Kapha-Dosha handelt. Die Nageldiagnose zeigt mit einem Blick, bei welchem Element die größte Störung vorliegt, ob im Äther-, Luft-, Feuer-, Wasser- oder Erdelement. Durch das zusätzlich gezielte Befragen des Patienten kann sehr schnell Aufschluss darüber gewonnen werden, welche Doshas und Subdoshas (Bioenergien), Dhatus (körperliche Gewebe), Srotas (körperliche Kanäle) eine Störung aufweisen und ob die Ausleitung der Malas (Stuhl, Urin und Schweiß) vollständig stattfindet. Die Ayurveda-Diagnostik und -Therapie bietet vielfältige und kostengünstige Einsatzmöglichkeiten in der Arztpraxis. Die folgenden Fallbeispiele zeigen das mögliche Zusammenspiel von schulmedizinischer Diagnostik und Therapie und die integrative Anwendung der ambulanten Ayurveda-Therapie auf.


Fallbeispiel 1: 54-jährige Patientin Diagnosen

Zustand nach Mamma Ablatio rechts, Axil-ladissektion, Plastikaufbau 08/90. Histologie: Hormonstatus prämenopausal, Rezeptorstatus östrogen. Progesterone Rezeptoren positiv. Tumorstadium: pT.
Zustand nach adjuvanter Chemotherapie nach dem CMF-Schema, drei Zyklen von 09-10/90, abgebrochen aus eigener Initiative.
Zustand nach operiertem Larynx-Ca 10/94: Chordektomie rechts wegen Stimmlippen-Ca (ICD 212/1 mit sekundärer Aphonie), Migräne-Anfälle seit 1958

Nebendiagnosen:

  • Eisenmangelanämie
  • Diskopathie L4/L5


Vorgeschichte

Die Patientin suchte mich auf Grund ihrer Beschwerden erstmals im Januar 1998 in meiner Praxis auf: Epigastrische Schmerzen, saures Aufstoßen, reduzierte Leistungsfähigkeit, Müdigkeit, Paraesthesien in den Händen, Rückenschmerzen, Verstopfung, Schwindelgefühl, Ein- und Durchschlafstörungen, Migräneanfälle, Nachtschweiß.

Untersuchungsbefund:
Die Patientin ist normalgewichtig (165 cm, Körpergewicht 59,1 kg) bei stark geschwächtem Allgemeinzustand, Appetitlosigkeit, Völlegefühl und Migräneattacken, leichter Tachykardie auf Grund des erhöhten Vata-Zustandes.

Prakriti (angeborene Konstitution) ist:

Vata2   
Pitta3
Kapha1

Vikriti (jetztige Befindlichkeit) ist:

Vata2,5
Pitta3,5
Kapha1

Es zeigt sich sowohl eine Vata- als auch eine Pitta-Aggravation. Die Haut ist blass, die Schleimhäute wenig durchblutet, RR 110/70, Puls 60/min., die peripheren Pulse sind gut tastbar. Herztöne sind rein, das Herz ist nicht verbreitert, die Aktion ist regelmäßig. Die Operationsnarben zeigen keine Entzündungszeichen. Das Epiga-strium ist druckschmerzhaft, kein Aszites, Meteorismus, Leber und Milz sind nicht vergrößert, die Tumormarker sind im Normbereich, lediglich der Ferritinspiegel ist erniedrigt (4ng/ml).

Therapie

Nach der Erstuntersuchung, die sowohl eine Vata- als auch eine Pitta-Erhöhung in der Pulsdiagnosefeststellen lässt, zeigt sich Rakta-Dhatu (Eisenmangelanämie) gestört, Pachaka Pitta (saures Aufstoßen) erhöht, Bhutagni (verantwortlich u. a. für das Immunsystem Ojas, Tejas, Prana) gestört, Ojas (Essenz der Körpergewebe, Essenz von Ka-pha) und Prana (Lebenskraft) zu niedrig.
Ziel der Therapie ist eine sanfte Ausleitung (shodana) und gleichzeitig eine Stärkung des Immunsystems (shamana), der Ausgleich der gestörten Doshas, die Verbesserung der Agnis sowie die Behebung der Eisenmangelanämie.

Hierzu hat Frau R. die folgenden Ayur-veda-Präparate über drei Monate eingenommen:

  • Bai 81 (Lohasava) 3x täglich zwei Teelöffel in gleicher Menge Wasser, zusammen mit
  • Bai 55 (Kumariasava) 3x täglich zwei Teelöffel in gleicher Menge Wasser zu den Mahlzeiten
  • Bai 203 (Chayawanprash) 2x täglich einen Teelöffel in warmer Milch zwischen den Mahlzeiten
  • Bai 47 (Amla und Süßholz) bei akutem sauren Aufstoßen zwei Tabletten nach dem Essen.

Verlauf

Nach drei Monaten hat sich der Allgemeinzustand wesentlich gebessert, nur selten tauchen noch epigastrische Beschwerden auf, ihr Eisenspiegel hat sich ebenfalls normalisiert. Sie klagt jetzt jedoch über ein Kloßgefühl in der Halsregion und leidet noch immer psychisch unter der Aphonie. Gegen das Kloßgefühl habe ich ihr Bai 45 (Kanchnar Guggulu) täglich 3x eine Tablette und Bai 17 (Trikatu) täglich 2x eine Tablette verordnet. Um ihre Manas-Vikruti (momentaner mentaler Zustand) wieder ins i Gleichgewicht zurück zu führen, habe ich ihr Bai 15 (Ashwagandha, Brahm L.) täglich 3x eine Tablette verabreicht. Das Kloßgefühl hat schon nach drei Wochen nachgelassen, und Frau R. kann mit einem Sprachtraining bei der Logopädin beginnen.

Frau R. bleibt auch die nächsten Jahre in meiner Betreuung. Sie kommt mehrere Male zur ambulanten Ayurveda-Kur, um an ihrem "Krebs" zu arbeiten. Sie wird sowohl psychotherapeutisch als auch ayurvedisch im Rahmen kleiner ayurvedischer Aufbaukuren von mir betreut und nimmt ayurvedische Präparate zur Stabilisierung und Gesunderhaltung. Sie bekommt manuelle Ayurveda-Therapie, d. h. ayurvedische Yogamassage (zur besseren Beweglichkeit) und Svedana (Wärmebehandlung), Shirodara (Stirnguss zur mentalen Entspannung), Abhyanga (ayurvedische Ölmassage zur besseren Beweglichkeit und Tiefenentspannug), Akupunktursitzungen gegen die Diskopathie, Virechana und Bastis zur Darmreinigung, Nasya und Aderlass als Migränebehandlung.

Ihre Ernährung hat sie auf Anraten gemäß ihrer Konstitution umgestellt. Die Tumormarker bleiben im Normbereich, der Allgemeinzustand hat sich derart gebessert, dass sie sich an der Universität zum Sprachenstudium einschreibt, wieder Yoga-Kurse gibt und ihre Familie betreut.

Als Rasayana werden Frau R. Chaywan-prash (Bai 203) gegen die Wechseljahrbeschwerden und Bai 24(Chandrabrabha Ba-ti) und Bai 55 (Kumariasava) verabreicht.

Fallbeispiel 2: 75-jähriger Patient

Diagnose: Refluxösophagitis seit 40 Jahren und Migräne mehrmals pro Jahr, Prostatahypertrophie

Vorgeschichte

Seit 40 Jahren leidet Herr G. an Refluxösophagitis mit den typischen Symptomen: Sodbrennen, saures Aufstoßen, intermittierende epigastrisch-retrosternale Schmerzen. Kein Mittel hatte bisher geholfen. Vor einer Autofahrt ist er nicht in der Lage zu essen, da er sonst unterwegs auf Grund der starken Säurebildung im Magen anhalten muss. Eine Operation lehnt Herr G strikt ab.
Herr G. sucht mich im Juli 2004 erstmals in meiner Praxis anlässlich seiner unerträglichen epigastrischen Beschwerden auf. Er hat in einem Buch gelesen, dass Ayurveda bei chronischen Erkrankungen sehr erfolgversprechend sein kann.

Untersuchungsbefund

Herr G. ist zartgliedrig bei einer Größe von 175 cm, er wirkt nervös und macht einen gehetzten Eindruck, er kann sich nur sehr schwer auf meine Fragen konzentrieren. Sein Puls ist 72, der Blutdruck 120/80, sein Kreislauf ist stabil, Herzgeräusche sind nicht vorhanden, die Lungen sind frei, das Epigastrium ist stark druckempfindlich, die Darmgeräusche sind hörbar, Leber, Herz und Milz normalgroß. Er hat zwei- bis dreimal Stuhlgang pro Tag, der Stuhl ist eher breiig.

Seine Prakruti ist:

Vata3    
Pitta2
Kapha1

Seine Vikruti zeigt eine Pitta-Aggrava-tion, die Vata-bedingt ist:

Vata3,5
Pitta3
Kapha1

Bei der Organpulsdiagnose zeigt der Ma-  . gen einen Pitta-Spike, welcher für eine  ' Entzündung des Magenseingangs und des Ösophagus spricht.


Therapie

Da der Pitta-Erhöhung eine Vata-Erhöhung vorausgeht, wird diätetisch eine Vata reduzierende und nicht Pitta erhöhende Ernährung empfohlen.
Um Pachaka Pitta zu reduzieren, welches für die akute Hyperazidität verantwortlich ist, wird zur Einnahme der folgenden Präparate geraten:

  • Bai 55 (Kumariasava): 3x täglich zwei Teelöffel bei gleicher Menge Wasser zum Essen als Antiphlogistikum gegen die akute Gastritis
  • Bai 47 (u.a. aus Amla und Süßholz) 3x zwei Tabletten nach den Mahlzeiten gegen die akute Refluxösophagitis und das saure Aufstoßen
  • Bai 46 (Gokshuradi Guggulu) 3x zwei Tabletten nach den Mahlzeiten gegen die Prostatahypertrophie


Verlauf

Bei der Nachuntersuchung nach einem Monat berichtet Herr G., lediglich Bai 46 gegen die Prostata-Hypertrophie eingenommen zu haben, weil er Angst hat, so viele Tabletten einzunehmen, zumal er die Zusammensetzung und Wirkweise nicht wirklich verstanden hat. Sein Sodbrennen war geblieben und die Übelkeit auch. Nach meiner Erklärung über die Wirkweise und die Kräuterzusammensetzung fängt Herr G mit der Therapie an.

Nach drei Wochen begegnet mir ein sehr glücklicher Herr G. und berichtet, dass er geheiltsei. Nach Einnahmealler Ayurveda-präparate hatte er bereits nach zwei Wochen keinerlei Symptome mehr. Er berichtet mir heute, wenn er zu uns kommt, weil er andere Anwendungen gebucht hat, noch immer freudestrahlend, dass die Refluxösophagitis nie wieder aufgetaucht ist und er jetzt auch vor dem Autofahren etwas essen kann. Er nimmt zurzeit keinerlei Präparate mehr ein.


Fazit

Wie die beiden Fallbeispiele zeigen, kann Ayurveda sehr gut in der Allgemeinarztpraxis als komplementäre Medizin eingesetzt werden. Es zeigen sich sehr gute Resultate in der Rekonvaleszenztherapie, z. B. nach Operation, Chemo- oder Strahlentherapie und bei chronischen Erkrankungen, die schulmedizinisch nur schwer oder gar nicht heilbar sind.

Die ayurvedische Kräutermedizin, die bei korrektem Einsatz und nach sorgfältiger ayurvedischer Diagnostik keinerlei mir bekannte Nebenwirkungen zeigt, kann schnell zum gewünschten Resultat und auch zum Ausheilen der Erkrankung führen. Die Kombination und Vielfältigkeit der Ayurveda-Medizin, die sich aus Ausleitungstherapie, manueller Ayurveda-Thera-pie, Entspannungstraining wie Yoga und Meditation, psychotherapeutischer Betreuung, Ernährungslehre und ayurvedischer Pflanzentherapie zusammensetzt, führt selbst bei hartnäckigsten Fällen meist zum Heilerfolg.

Das Gleichgewicht der Gesundheit lässt sich durch ayurvedische, konstitutionsgerechte Ernährung und Lebensweise von den Patienten im Anschluss an eine Behandlung erhalten.

 
 
 
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